Kinderkommission hört Experten zu Problemen von Kindern Alleinerziehender

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Berlin: (hib/EIS) „Glückliche Scheidungskinder“ hat Dieter Katterle, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Facharzt für Psychosomatische Medizin, noch nicht gesehen. „Aber erleichterte“, sagte er in Anspielung auf die befreiende Wirkung einer Scheidung, wenn das Familienleben aus unterschiedlichsten Gründen für >Eltern und – vor allem – Kinder zur Hölle werden kann. Als einer von vier Sachverständigen äußerte sich Katterle in einer Anhörung der Kinderkommission (Kiko) zur Situation der „Kinder von Alleinerziehenden“. Die Gründe für Scheidungen und Trennungen seien vielfältig und können je nachdem, wie es die Eltern schaffen damit umzugehen, von Kindern gut oder schlecht bewältigt werden. Katterle räumte ein, dass er aus der Perspektive des Facharztes vorrangig die Probleme von Kindern aus Familien mit nur einem Elternteil unter pathologischen Aspekten betrachtet. Nach einer persönlichen, nicht repräsentativen Umfrage schätzte er, dass rund 40 Prozent der Kinder in ambulanter stationärer Behandlung in Kinderklinken aus Familien mit nur einem Elternteil kommen. „Hingegen wachsen nur 20 Prozent in solchen Familienstrukturen auf“, sagte er. „Da muss also etwas mit den Kinderseelen passieren“, stellte Katterle fest. Aus der Praxis wüsste er, viele dieser Kinder haben „Krisen hinter sich, die auch der traditionellen Familie anzulasten sind“ – zum Beispiel Gewalt. Insofern dürfe das Modell der Alleinerziehenden nicht stigmatisiert werden, betonte der Arzt. Es sei festzustellen, dass Eltern oft schon mit Problemen in dann scheiternde Beziehungen gehen würden, die aus mitgebrachten „Hypotheken“ herrühren.

Ursula Kodjoe, Diplom-Psychologin und Mediatorin, sieht den Begriff „alleinerziehend“ als problematisch an: „Eltern zu sein, ist nicht optional.“ Eltern seien auch nach einer Trennung, die sie entschieden haben, für ihre gemeinsamen Kinder verantwortlich. Wichtig sei für die Kinder eine „stabile Elternbeziehung“. Doch die Eltern seien oft überfordert, den Kindern den notwendigen Halt zu geben. „Viele Kinder wissen nicht, wer noch über sie bestimmen darf, weil sie in Patchworkfamilien nicht mehr die Autoritäten klar zuordnen können“, erläuterte sie. Hinzugekommene Partner würden sich zurecht fürchten, dass ein Kind feststellt, dass derjenige dem Kind nichts vorzuschreiben habe. In solchen Fällen muss die Autorität klar delegiert werden und dem Kind von dem leiblichen Elternteil gesagt werden, dass es zu hören habe. „Doch den Eltern fehlen die nötigen Informationen und oft einfachste Lösungen, damit umzugehen“, sagte Kodjoe. Sattdessen würden Eltern notorisch unterschätzen, wie viel Kinder schon im Vorfeld von Trennungen mitbekommen, welche existentiellen Ängste sie während und nach der Scheidung ausstehen, wenn sie Telefonate und Gespräche nur zum Teil verstehen und zum Beispiel der mit Scheidungen einhergehende soziale Abstieg thematisiert wird.

„Dabei brauchen Kinder nicht einmal viele Informationen, aber sie brauchen klare und ehrliche Worte“, sagte die Psychologin. Andernfalls würden sich ihre Ängste ins Unermessliche steigern.

Auch Erika Biehn vom Bundesverband alleinerziehender Väter und Mütter ging auf diesen Aspekt aus ihrer Erfahrung der Beratungspraxis ein: „Besser ist zum Beispiel, dass Eltern ihren Kindern erklären, dass sie sich nicht mehr verstehen, statt zu sagen, dass sie sich nicht mehr lieben.“ Kinder würden es nicht als zwingend notwendig ansehen, dass sich die Eltern lieben müssen. Sie könnten ja für die Kinder zusammen bleiben. Schlimm und als Verrat würde in jedem Fall empfunden, wenn Eltern plötzlich und ohne Vorwarnung ihre Trennung mitteilen, wenn sie die Probleme vorher versteckt haben. Nichtsdestotrotz sah Biehn die Trennung auch als Neubeginn, wenn das Familienleben zuvor stark belastend war. Wichtig sei das Angebot der Beratung durch unabhängige Stellen, weil Eltern diesen gegenüber geringere Hemmschwellen hätten – Jugend- und Sozialämter seien in dieser Hinsicht belastet. „Dauerbrenner in diesen Beratungen ist die Existenzsicherung“, sagte Biehn. Viele Alleinerziehende würden außerdem nicht ihre Rechte kennen. Die materiellen Einschnitte seien in der Regel gravierend und haben immer Folgen für Kinder. Biehn erklärte deshalb, „dass die geplanten Kürzungen beim Unterhaltsvorschussgesetz“ ein Fehler seien.

Sabina Schutter vom Deutschen Jugendinstitut stellte ihre Betrachtung auf statistische Füße und verdeutlichte, dass im Jahr 2010 rund 82.300 Scheidungen gezählt wurden. Jährlich wären rund 170.000 Kinder von Trennungen und Scheidungen betroffen. „Aber der überwiegende Anteil der Kinder erlebt die frühe Kindheit noch in der Partnerschaft“, sagte sie. Kritisch werde dies meist ab drei bis fünf Jahren. Dann steige die Scheidungsrate. Statistisch würden diese Kinder eine 50 Prozent höhere soziale und finanzielle Risikolage erleiden, die zur gravierenden Verschlechterung der Bildungschancen beitrage. Hinzu käme, dass von Kindern ungeheure Leistungen gefordert würden. Der Aspekt, dass diese Kinder zum Beispiel lange, weite und häufige Pendelwege in Kauf nehmen müssen, weil im Sine eines harmonischen Erziehungsbildes beide Partner ihre Rechte und Pflichten ausüben sollen können, findet Schutters Ansicht nach zu wenig Beachtung. Insofern bräuchte auch diese Gruppe Reiseunterstützung, um Abhilfe zu schaffen. Schutter legte jedoch Wert darauf festzustellen, dass Alleinerziehende nicht als homogene Gruppe verstanden werden dürfen. „So können Kinder auch ein Elternteil durch Tod verlieren“, sagte sie. Bei aller Tragik sei im Allgemeinen festzustellen, dass dies in langer Nachwirkung als weniger schlimm von Kindern empfunden werden kann. Denn es werde um das verlorene Familienmitglied getrauert, von diesem werde gut gesprochen und die Trennung erfolgte ungewollt. Bei aller Einschränkung dieses Vergleichs stellte sie fest, dass die Art und Weise bei Trennungen und Scheidungen sowie die daraus resultierenden Folgen für Kinder „durch die Eltern entschieden werden“.

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